Wenn Videospiele und Jagd in einem Atemzug genannt werden, denken die meisten Gamer wohl sofort an den pixeligen Hund aus dem NES-Klassiker Duck Hunt von 1984, der aus dem Gras auftauchte und jeden Fehlschuss mit schadenfrohem Kichern quittierte. Bis zur Geburt ernst zu nehmender Jagdsimulationen dauerte es allerdings noch bis 1997: Damals veröffentlichte Sunstorm Interactive Deer Hunter, das entgegen sämtlichen vorherigen Marktanalysen die Verkaufscharts stürmte und selbst die ebenfalls zu dieser Zeit erschienenen Titel Quake II und Tomb Raider II hinter sich ließ.
In den fast drei Jahrzehnten seither hat sich das Genre erheblich verändert. Das zeigt sich sowohl an der fotorealistischen Grafik als auch am ethischen Verständnis der Jagd, denn moderne Simulationen legen inzwischen zunehmend Wert auf den Schutz der Wildbestände – ebenso wie die reale Jagdkultur. Zugleich haben Jagdsimulationen schon immer eine kleine, dafür umso engagiertere Zielgruppe bedient, ähnlich wie der Farming Simulator. Wer Dutzende oder Hunderte Stunden in solche Spiele investiert, sucht keine rasante Action, sondern die ungestörte Ruhe der Natur, das sorgfältige Prüfen der Windrichtung und jenen erlösenden Moment, in dem nach stundenlangem, angespanntem Pirschen durchs Gras endlich das gezielt ausgewählte und gesuchte Tier auftaucht und der Schuss fällt.
Zu den größten Versprechen von Way of the Hunter 2 gehört eindeutig der Umfang der begehbaren Karten. New Laurentia führt uns nach Kanada, Kilimaya Reserve nach Afrika und die Karte Hearth & Hunt HQ in die Rocky Mountains. Die ersten beiden Schauplätze sind jeweils rund 100 Quadratmeter groß und bieten komplexe, detailliert ausgearbeitete Landschaften mit abwechslungsreichem Gelände, einer eigenen Tierwelt und unterschiedlichen Bedingungen, darunter Wettereinflüsse und interaktive NPCs. Das dritte Gebiet fällt mit „nur“ 40 Quadratmetern kleiner aus, dient aber zugleich als Tutorial und Einstieg. Hier erlernen Neulinge die Grundlagen der Jagd, und hier steht auch unsere Jagdhütte, in der wir unsere Trophäen sammeln.
Die größeren Herausforderungen erwarten uns in New Laurentia, einer gewaltigen nordamerikanischen Wildnis mit Elchen, Bären, Wölfen und Bisons. Für diese Karte gibt es ebenso wie für Afrika einen eigenen Handlungsstrang: Gemeinsam mit einem örtlichen Hundetrainer und einem ehemaligen Wildhüter untersuchen wir das ungewöhnliche Verhalten der Wildpopulation. In den glühend heißen Savannen Afrikas warten dagegen Flusspferde, Kaffernbüffel, Löwen und Nilkrokodile auf uns. Sich an sie heranzupirschen, erfordert eine völlig andere Herangehensweise und besondere Vorsicht. Sowohl verwundetes Wild als auch Raubtiere haben nämlich die unangenehme Angewohnheit, unachtsame Jagdanfänger anzugreifen, die dort umherstreifen.
Im Mittelpunkt des Spiels steht weiterhin die gezielte Bewirtschaftung des Wildbestands, allerdings haben die Entwickler das System diesmal deutlich transparenter gestaltet. Durch das Fernglas erkennen wir sofort das Geschlecht, das Alter, das genetische Potenzial als Fitnesswert in Prozent und die Entwicklungsstufe anhand einer Sternebewertung. Damit entfällt das Rätselraten des ersten Teils. Manche finden allerdings, dass die Entwickler dabei über das Ziel hinausgeschossen sind und es einem nun zu leicht machen. Bei der Hege verfolgen wir das Ziel, junge männliche Tiere mit hervorragenden Erbanlagen heranwachsen und sich fortpflanzen zu lassen. Indem wir ältere Tiere mit geringerem Potenzial erlegen, schaffen wir Platz für den Nachwuchs und verbessern langfristig die Qualität der Population.
Die Hege beschränkt sich jedoch nicht auf die selektive Jagd. Als neue Mechanik kommt die Pflege des Lebensraums hinzu: Wir reparieren Brücken, errichten neue Hochsitze, füllen Futterstellen auf, sammeln Müll und achten auf Verunreinigungen von Wasser und Boden. Diese Tätigkeiten ergänzen die eigentlichen Jagdaufgaben durchaus sinnvoll, verkommen auf Dauer aber leider zu einer monotonen Liste von Wartungsarbeiten. Schade, dass sie sich nicht besser in den Spielablauf einfügen.
Wenn es endlich an den Schuss geht, sorgen Physik und Ballistik für ein unglaublich komplexes und realistisches Erlebnis. Wind und Schwerkraft beeinflussen die Geschosse und das Zielen – abhängig vom Schwierigkeitsgrad –, außerdem simuliert das Spiel die Bewegungsenergie. Der Umgang mit Bögen und Armbrüsten ist ausgesprochen schwierig und wird in vielen Forenbeiträgen tatsächlich nur Veteranen oder besonders ausdauernden Anfängern empfohlen. Die erweiterte Shot Review liefert eine enorme Fülle an Informationen und stellt das Geschehen auch visuell äußerst präzise dar. In einer Art Röntgenansicht zeigt sie die Geschwindigkeit des Geschosses, den Einschlagwinkel und die verletzten Organe. Der Unterschied zwischen einem Lungentreffer und einer Verletzung, bei der das Geschoss einen Knochen streift, wird klar erkennbar. Diese Details liefern auch bei der Auswertung von Blutspuren wichtige zusätzliche Hinweise.
Das Spiel vermittelt uns zudem recht schnell, wann es sich lohnt, ein angeschossenes Tier weiterzusuchen. Nach einer oberflächlichen oder leichten Verletzung läuft das Wild praktisch auf und davon. Folgen wir dagegen den Spuren und der Schweißfährte eines tödlich verletzten Tieres, finden wir die Beute schon bald. Positiv fällt auch der überarbeitete Fertigkeitenbaum auf: Unsere Punkte fließen in praktische, sofort spürbare Boni, ohne dass das System unnötig kompliziert wäre. Wir schleichen besser, fallen weniger auf, die Waffe schwankt beim Zielen weniger – solche Verbesserungen erwarten uns hier. Der neu eingeführte Jagdhund wurde dagegen sehr unterschiedlich aufgenommen. Die einen schätzen ihn als angenehme Gesellschaft und äußerst nützlichen Helfer beim Aufspüren von Fährten und verwundetem Wild. Die anderen empfinden ihn als störend oder gar nervig: Er verursacht zusätzlichen Lärm, seine Wegfindung ist stellenweise katastrophal, vor allem auf steinigem oder felsigem Gelände, und die verfügbaren Befehle sind zu rudimentär.
Trotz all seiner Stärken gehört der Leerlauf zu den größten Problemen von Way of the Hunter 2. Manchmal wirkt es wie ein Wandersimulator mit sündhaft teurer Ausrüstung. Schon auf mittlerem Schwierigkeitsgrad kann ein einziger Fehler, ein knackender Zweig oder eine falsch eingeschätzte Windrichtung genügen, damit die Tiere sofort aufgeschreckt werden. Uns stehen dann weitere zwanzig bis dreißig Minuten völlig ereignislosen Fußmarschs bevor. Dazu passen auch die übrigen Aufgaben rund um die Hege: Wir fahren minutenlang in einem schrecklich zu steuernden Fahrzeug mit nur einem Gang, das sich wie eine Kiste anfühlt, steigen aus, drücken ein paar Tasten und fahren zum nächsten Punkt auf der Liste, wo uns dasselbe erwartet.
Auch der Aufbau der Missionen und der von NPCs vermittelten Tutorials lässt zu wünschen übrig. Neben klaren, gut erklärten Aufträgen erhalten wir gelegentlich Aufgaben, bei denen man uns ein oder zwei Kleinigkeiten „vergisst“ mitzuteilen. Entweder erschließen wir uns die Spielmechanik selbst, oder eben nicht. Dann bleibt nur die Suche im Internet – oder wir kommen nicht weiter.
Optisch sind die dichten Wälder, die Bergpanoramen und das Spiel von Licht und Schatten wunderschön. Auch das Sounddesign ist sehr gelungen. Auf überflüssige, ständig laufende Hintergrundmusik wird verzichtet. Stattdessen setzt das Spiel auf das Rauschen des Windes, unsere Schrittgeräusche und Tierlaute in der Ferne, was für eine unglaublich dichte Atmosphäre sorgt. Leider gibt es einige Grafikfehler, die das Eintauchen in diese Welt und die Stimmung beeinträchtigen.
Manchmal verhaken sich die Tiere für kurze Zeit ineinander und bilden eine vor- und zurückwogende „Masse“. Bei der Suche nach einem Wolfsrudel erlebte ich, wie das Spiel 30 Wolfsspuren direkt hintereinander platzierte und damit einen unnatürlichen Pfad über den Boden zog. Weiter entfernte Landschaftsbereiche oder Bäume erhalten gelegentlich erst dann detailliertere Texturen, wenn wir näher kommen oder den Blick dorthin wenden. Das reißt einen bei den ausgedehnten Streifzügen durch die Natur ziemlich aus dem Erlebnis.
Für dieses Spiel braucht es die Geduld eines buddhistischen Mönchs. Bis zu einem gewissen Grad ist das nachvollziehbar, leider geht es aber darüber hinaus. Wirklich Freude wird es denjenigen bereiten, für die Jagd stille, meditative Streifzüge durch die Natur, die Bewahrung des ökologischen Gleichgewichts und die Planung des perfekten Schusses bedeutet. Wer mehr erleben, schneller vorankommen oder effizienter spielen möchte, sucht hier an der falschen Stelle.
Die vielen Spaziergänge, die wie ein Selbstzweck wirken, die monotonen Wartungsarbeiten, die unfertig anmutende Hundemechanik und die ärgerlichen Grafikfehler können das Spiel leicht von einer Quelle der Entspannung in eine Quelle des Frusts verwandeln. Die Grundlagen und die Konzeption der Mechaniken scheinen zu stimmen. Die Umsetzung dürfte aber erst nach umfangreichen Patches, Feinarbeit und Erweiterungen hoffentlich das Niveau erreichen, das den Entwicklern vorschwebte. Meiner Meinung nach behandeln wir das Spiel am besten wie ein noch zu junges Stück Wild, das einmal zu einer wertvollen Trophäe heranwachsen könnte: Way of the Hunter 2 im Auge behalten, aber noch abwarten.




































